《Vera - Ein Abentuer ins Ungewisse [German]》Kapitel 74: Spurensuche
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“Mit allem gebürtigen Respekt Herr Pilkowski, aber ich kann sie leider nicht durchlassen.” “Und sie wären auch bereit, ihren Worten Taten folgen zu lassen?”, frage ich den Jungspund. Der geschockte Gesichtsausdruck des Burschen ist pures Gold wert. Nach dem Vergnügen folgt jedoch wie so oft die Arbeit: “Sie scheinen mich missverstanden zu haben. Ich habe sie nicht um Einlass gebeten, sondern sie lediglich über mein Vorhaben in Kenntnis gesetzt.” Mit diesen Worten lasse ich die nach wie vor regungslose Stadtwache stehen und betrete das Gebäude.
Natürlich hätte ich mit einem Teleport auch ungesehen in das Haus gelangen können. Allerdings hat sich das Nutzen dieser überaus praktischen Fertigkeit in letzter Zeit zu einer schlechten Angewohnheit entwickelt. Im Gegensatz zu anderen Völkern von Usenia sind Menschen ganz und gar nicht davon begeistert, wenn man plötzlich in ihrem Wohnzimmer auftaucht. Aus diesem Grund versuche ich momentan meinen Alltag ein wenig “normaler” zu gestalten. Fairerweise wäre das Teleportieren in diesem speziellen Fall sowieso kontraproduktiv gewesen. Die entstehende Verwirbelung der Elemente hätte einen Großteil der Spuren am Fundort des Toten unbrauchbar gemacht.
Das Haus gehört einem Grafen und wird meinen Informationen zufolge gegenwärtig von einem seiner Söhne genutzt. Die Inneneinrichtung ist eher schlicht, aber herzlich. Viele warme Farben und ein besonders gemütlich aussehendes Sofa laden zum Verweilen ein. Wie bei den anderen Fällen auch, bemerke ich keine Spuren, die auf ein gewaltsames Eindringen hindeuten.
Den Hausherren selbst treffe ich schließlich regungslos auf dem Boden liegend im Schlafzimmer an. Mein mitgebrachtes Artefakt registriert zwar einen Hauch von dunkler Magie, doch in der Gegenwart einer Leiche ist das wenig verwunderlich. Der Körpertemperatur des Toten nach zu urteilen, ist das Opfer erst vor wenigen Stunden verstorben. Vermutlich hat sich Graf Junior gerade für die Nacht fertig gemacht und war auf dem Weg ins Bett, als es ihn erwischt hat.
Der Körper weist keine äußeren Verletzungen auf. Es ist nicht das erste Mal in den vergangenen Jahren, dass ich mir einen greifbaren, fähigen Rang 3 Magier mit einem Fokus auf die heilenden Künste wünsche. Leider sind solche Individuen sehr gefragt. Mit den Honoraren anderer Institutionen oder Persönlichkeiten kann die Akademie außerdem kaum konkurrieren. Ich schüttle enttäuscht mit dem Kopf. Wenn sich auch nur die Hälfte von diesen talentierten Köpfen nicht vom Schein der Münzen blenden lassen würde, wäre uns allen schon viel geholfen. Ursprung des Feuers, Netzwerk des Lebens und Autopsie wären beispielsweise alles nützliche Fertigkeiten, um Licht in die merkwürdigen Todesfälle zu bringen. Da aber meine eigenen Talente eher in die entgegengesetzte Richtung tendieren, muss ich dem Grund des Ganzen auf altmodische Weise auf die Schliche kommen.
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Ausgiebig studiere ich die schwarzen Linien, welche an ein Blitzmuster erinnern und über Gesicht, Arme und Oberkörper des Toten verlaufen. Stellenweise sind die Markierungen so dick wie mein Daumen, während man sie wenige Zentimeter später kaum noch ausmachen kann. Die Struktur ähnelt zwar denen der anderen Opfern, ist jedoch nicht identisch. Meine zugegebenermaßen kurzen Recherchen im Vorfeld waren ebenfalls fruchtlos. Graf Junior war wie praktisch jeder andere Adlige in seinen Mittzwanzigern auch. Er ging gerne feiern, machte schönen Frauen den Hof, feilte mehr oder weniger bemüht an seinen Schwertkünsten und interessierte sich für Landschaftsbilder. Er erfreute sich bester Gesundheit, bis es ihm plötzlich die Lampen ausgeknipst hat. Eine Tatsache, die alle Toten miteinander gemein haben.
Leider sind die meisten dieser Hinweise nicht wirklich hilfreich. Eine erstaunlich hohe Anzahl an Kreaturen und Effekten vermag es einen Rang 2 binnen Sekunden niederstrecken. Meine gegenwärtige Theorie ist, dass die Betroffenen mit jemandem oder etwas in Berührung kommen und dabei kontaminiert werden. Unwissend gehen sie weiter ihrem Leben nach, während in ihnen eine Art Bombe zu ticken beginnt. Irgendwann macht es schließlich klick und ihre Lebenspunkte sinken schlagartig auf null.
Was mir allerdings fehlt, ist die Verbindung. Eine Bäckerstochter kommt normalerweise nicht mit angehenden Magiern oder gar Adligen in Berührung. Trotzdem haben sie alle das gleiche Schicksal erlitten. Die Auswahl der Opfer scheint keinem bestimmten Muster zu folgen. Für Rang 4 oder 5 Kreaturen wäre solch ein Verhalten eher untypisch. Solche Schwergewichte agieren für gewöhnlich… weit weniger subtil. Außerdem mag ich zwar nicht mehr der Jüngste sein, aber dennoch wäre mir die Ankunft eines solchen Wesens in unseren beschaulichen Breitengraden mit Sicherheit auffallen.
Somit tendiere ich zu im Umlauf gekommene Objekte, die von einer hochrangigen Kreatur verflucht wurden, oder zu einer Schöpfung alchemistischer Künste. Für die erste Theorie spricht, dass ich bisher noch keine verdächtig aussehende Phiole aufspüren konnte. Allerdings kann das Mittel auch an einem mir unbekannten Ort konsumiert worden sein. Freiwilligkeit, beziehungsweise Absicht sind ebenfalls zwei Seiten einer Medaille, die mich beschäftigen. Zwei Tropfen von unserem fraglichen Gift sind auch schnell mal in ein Bier geträufelt.
Beide Möglichkeiten könnten auch die Entfernung zwischen den einzelnen Opfern erklären. Phiolen sind schnell, einfach und unauffällig zu transportieren. Selbst etwas von der Größe eines Tisches für vier Personen lässt sich vergleichsweise leicht von A nach B bewegen. Trotzdem müssen die Menschen irgendwie aktiv mit dem Auslöser in Berührung kommen. Andernfalls würden wir im Moment nicht nur von ein paar Dutzend Toten sprechen. Ich habe die Wasserversorgung in der Nähe der Opfer untersucht, bin in den jeweiligen, beliebten Lokalen vorstellig geworden, habe mir ihre Arbeitsstätten angesehen und sogar zwei merkwürdig anmutende Zimmerpflanzen untersuchen lassen und stehe nun dennoch ohne eine konkrete Spur da.
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Beim Durchsuchen des Papierkorbes stoße ich jedoch schließlich auf ein interessantes Dokument. Es ist eine Wegbeschreibung zu einer Bar namens Fuchsbau. Normalerweise würde ich solch einer Papierverschwendung keine Sekunde meiner wertvollen Zeit widmen. Allerdings habe ich vorgestern bereits schon einmal von diesem Lokal gehört. Einer meiner verstorbenen Schüler hatte den Namen ohne weitere Angaben in seinem Tagebuch hinterlassen. Sieht so aus, als würde mir wohl ein weiteres Gespräch mit einem Barbesitzer bevorstehen.
In Gedanken versunken verlasse ich das Gebäude und schließe die Tür hinter mir. Erst danach bemerke ich die Anwesenheit einer Handvoll der offiziellen Ermittlungskommission. Man hat mich offenbar erwartet. “Freut mich Sie wiederzusehen Carlos”, entgegne ich freundlich dem ranghöchsten Mitglied. Der fragliche Mann zuckt nervös mit der Augenbraue: “Sir, leider kann ich diese Freude nicht erwidern. Sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden zweimal an einem Tatort anzutreffen ist… besorgniserregend. Herr Kolbeck wird von ihren Einmischungen ebenfalls nicht begeistert sein.” “Zwei meiner Schüler sind bereits daran gestorben Carlos. Der Baron kann nicht ernsthaft erwarten, dass ich in so einer Situation die Füße stillhalte. Etwaige Beschwerdebriefe können sie gerne an meine bekannte Adresse schicken.” Ohne eine Antwort abzuwarten, teleportiere ich mich unverzüglich drei Häuserblocks weiter. Für politische Spielchen fehlt mir in der gegenwärtigen Situation wahrlich die Zeit.
Ein paar Aktivierungen später erblicke ich schließlich mein wohl vertrautes Arbeitszimmer. Soviel zu meinen guten Vorsätzen. Ich schnaufe einmal durch, ordne meine Gedanken und mache mich dann in Richtung der Bibliothek auf. Vielleicht finde ich ja im Werk von Jakob Schuhmann “Die Gefahren Darnitons” einen Fingerzeig für unsere verzwickte Situation.
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Gut gelaunt erfülle ich am Vormittag einige Kleinigkeiten für die Gilde, bevor ich mich in RIchtung des Warscher-Anwesens aufmache. Vor Ort werde ich vom Butler aber erstmal um ein wenig Geduld gebeten. Die aktuellen Ereignisse beschäftigen offensichtlich auch die Feuermagierin immens. Zum Glück muss ich mich mit dem entstandenen Chaos durch das Ableben des Gildenanführers nicht auseinandersetzen. Ein politisches Leichtgewicht zu sein hat eben auch seine Vorteile.
Eine gute halbe Stunde später empfängt mich Rina schließlich: “Du siehst gestresst aus”, bemerke ich trocken. “Könnte daran liegen, dass ich es auch bin”, erwidert die Magierin und fährt sich mit einer Hand durch die Haare: “Der plötzliche Tod des Anführers einer der größten Gilden in Torfbergen löst Wellen aus, die du dir nicht einmal vorstellen kannst.”
Mir plaudern ein wenig vor uns hin, bis wir zum eigentlichen Teil unseres Treffens kommen. Die Feuermagierin zückt ein Artefakt, mit dem sie meine Stimme auszeichnen kann und beginnt mir Löcher in den Bauch zu fragen. Welche Kreaturen habe ich wie erlegt? Zu welcher Tageszeit habe ich gekämpft? Wie sahen meine Attribute vor dem Erlangen der Spezialisierung aus? Besonders die exakte Beschreibung von Lehrling des Holzes scheint die Adlige brennend zu interessieren.
Ich versuche, all diese Fragen nach bestem Gewissen zu beantworten. Mein aktueller Kenntnisstand ist, dass selbst wenn jemand freiwillig durch die von mir erlebte Hölle gehen will, die darauf folgende Auswahl einer ungewöhnlichen Spezialisierung alles andere als garantiert ist. Ein Abweichler zu sein hat für dieses Resultat eine mindestens ebenso große Rolle gespielt. Ohne diese Voraussetzung könnte sich das Kopieren meiner Erlebnisse als sehr schmerzhafte Niete herausstellen.
Als wir aber anfangen, über meine Rang 2 Optionen zu sprechen, beginne ich zu schweigen. “Muss ich dich daran erinnern, dass du vertraglich zugesichert hast, mir gegenüber alles über deinen ersten Rang zu erzählen? Solch eine Vereinbarung beinhaltet selbstverständlich auch die weiterführenden Pfade deiner Klasse”, betont Rina. “Dann sind wir in diesem Punkt wohl unterschiedlicher Ansicht”, erwidere ich. “Für mich endet der erste Rang mit dem Abschluss der Rangaufstiegsmissionen. Alles danach ist bereits die Eröffnungszeremonie für den zweiten Rang und gehört folglich auch zu jenem Kapitel.”
Falls die Magierin nun sauer auf mich ist, lässt sie es sich zumindest nicht anmerken. Das Wissen über dieses Schlupfloch im Vertrag habe ich Maria zu verdanken. Die Preisgabe “aller” Informationen ist eine subjektive Aussage mit einem gewissen Interpretationsspielraum. Solange mein Standpunkt nachvollziehbar und logisch auf diese Weise argumentiert werden kann, wird das System mich später dafür auch nicht abstrafen.
Leider funktioniert der gleiche Trick genauso gut in die andere Richtung. Rina könnte einfach behaupten, dass sie in der gesetzten Zeit nichts herausgefunden hat und wäre damit aus dem Schneider. Allerdings halte ich die Magierin für eine Frau mit professionellem Charakter. Bisher war unsere Beziehung miteinander für beide Parteien vorteilhaft. Nur weil sie jetzt nicht die Kirsche auf der Sahnetorte bekommt, wird sie nicht plötzlich alle Verbindungen kappen. Besagte Informationen könnten immerhin auch Teil einer späteren Vereinbarung werden. Bis dahin behalte ich das Wissen über potenziell furchterregende Spezialisierungen lieber für mich.
“Ich verstehe”, ist alles, was die Adlige zu meinem Standpunkt zu sagen hat. Anschließend deaktiviert sie das auf dem Tisch liegende Artefakt und zieht ein Dokument aus einer ihrer Schubladen. “Nun zu meinem Teil der Abmachung.”
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