《Vera - Ein Abentuer ins Ungewisse [German]》Kapitel 66: Geschenk
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Wie schlau genau sind eigentlich braune Armeeameisen? Den Berichten zufolge sind es Tiere, die zwar aufgrund von Erfolg und Fehlschlägen ihr Verhalten anpassen, aber sich dennoch fast ausschließlich auf ihre Instinkte verlassen. Ähnlich einem Kind, welches sich zukünftig vor Feuer in Acht nehmen wird, nachdem es sich einmal verbrannt hat. Spätestens nach den heutigen Ereignissen bin ich mir aber sicher, dass die Ameisen mehr auf den Kasten haben, als wir ihnen zutrauen. Mag vielleicht sein, dass wir ihnen intellektuell überlegen sind, doch blöd ist die Kolonie bestimmt nicht. Ob mir die Ameisen jedoch verraten werden wo der Schuh drückt, ist eine andere Angelegenheit.
Zurück an der Grenze fällt uns direkt auf, dass die beiden Erdhügel den Regen nicht überstanden haben. Stattdessen finden wir nun aber an derselben Stelle eine Soldatenameise vor. Ein Exemplar so nah an den Schildern und gleichzeitig auch noch alleine anzutreffen, ist neu. Wir beäugen uns zunächst gegenseitig auf sicherer Entfernung. Schließlich nähere ich mich dem Tier bis auf wenige Meter. Die Ameise beeindruckt meine Erscheinung wenig. Kein Drohgebärden, kein plötzlicher Angriff, nichts. Stattdessen weicht mein stummer Zeitgenosse einen Meter zurück. Unter dem Panzer kommt ein gewölbtes Stück Rinde zum Vorschein. Verdutzt schaue ich zuerst das Insekt und danach meine Kollegen an: “Kommt mal her”, rufe ich ihnen zu.
Klack! Klack! Unverzüglich schnappt die Ameise drohend in unsere Richtung. Meine beiden Kameraden halten überrascht in ihrer Vorwärtsbewegung inne: “Dein neuer Freund scheint uns nicht sonderlich zu mögen”, bemerkt Paul trocken. “Blöde Ameise!”, kommentiert Kurt leicht gereizt. Sowie die Abenteurer wieder ein paar Schritte zurückweichen, beruhigt sich auch das Tier wieder.
Eine durchaus spannende Entwicklung. Behandelt mich das Insekt anders, weil es denkt, dass von mir keine Gefahr ausgeht? Ameisen sollten nicht über Identifizieren verfügen. Wie kommt es also dann zu dieser Schlussfolgerung? Gut, bei meinem letzten Zusammenstoß mit seinen Kollegen habe ich freilich kein gutes Bild abgegeben.Vielleicht haben mich die Tiere gestern aber auch irgendwie beobachtet und wissen, dass sich das Objekt ihrer Begierde in meiner Tasche befindet.
Während ich mir so meine Gedanken mache, schiebt die Ameise das Stück Rinde ein Stückchen in meine Richtung und schaut mich erwartungsvoll an. Zumindest bilde ich mir ein, dass sie das tut. Schwer zu sagen bei Augen ohne einen erkennbaren Fokus. Trotzdem werde ich mich hüten, freiwillig in Reichweite dieser Mandibeln zu gehen. Mein Bein mag diesen furchteinflößenden Waffen für ein paar Sekunden Probleme bereiten, aber meine Hand? Auf so eine Erfahrung kann ich gerne verzichten.
In den folgenden Minuten versuche ich der Ameise klarzumachen, dass sie sich bitte ein wenig von der Rinde entfernen soll. Ein peinliches, wie auch erfolgloses Unterfangen. In meiner aufkommenden Frustration fange ich sogar an mit dem Tier zu sprechen, was unerwarteterweise ebenfalls nichts bringt. Während Kurt den Spaß seines Lebens hat, atme ich einmal tief durch. Eine neue Strategie muss her.
Ich zeige auf die Rinde, dann auf die Ameise und laufe anschließend selbst mehrere Schritte rückwärts. Rinde, Ameise, Laufen, Rinde, Ameise, Laufen, immer wieder präsentiere ich dem Tier was ich von ihm möchte. Und siehe da, nach zwei Dutzend Wiederholungen dieses Trauerspiels weicht die Soldatenameise tatsächlich von der Rinde zurück. Im Endeffekt schaffe ich es, das Tier etwa vier Meter von seinem provisorischen Gefäß zu vertreiben. Eine Lücke, welche der Waldbewohner problemlos innerhalb von Sekunden schließen kann. Weiter weg will die Ameise aber offenbar auch nach mehrmaliger Aufforderung meinerseits nicht.
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Okay, du bist mir ein Stück entgegen gekommen, also muss ich das jetzt wohl ebenfalls tun. Vorsichtig nähere ich mich der Rinde. Ohne Löffel lässt sich der Honig zwar nicht so einfach aus seinem Behälter holen, doch mit ein wenig Schütteln platziere ich einen großen Klecks in das gewölbte Gefäß. Mein Blick stets auf die Ameise fokussierend trete ich den Rückzug an. Das Tier lässt mich jedoch unbehelligt auf die andere Seite der Schilder zurückkehren.
Die Soldatenameise krabbelt langsam an den Honig heran und nimmt ihn gründlich unter die Lupe. Antennen werden von hier und da gegen die Rinde gelegt und die mysteriöse Substanz im Inneren aus verschiedenen Winkeln begutachtet. Probieren möchte sie aber offenbar nicht.
Im Laufe der nächsten Stunde kommt eine Mischung aus Soldaten- und Arbeiterameisen vorbei, um sich den Hönig anzusehen. Die kleineren Vertreter der Kolonie sind eigentlich recht scheue Geschöpfe. Sie deshalb aus der Nähe beobachten zu können, ist ein seltenes Ereignis. Vermutlich sind die Biester einfach nur wahnsinnig neugierig. So etwas Leckeres bekommt man immerhin nicht jeden Tag vor die Haustür geliefert. Nach mehreren Kostproben hebt eines der Tiere die Rinde schließlich auf und saust damit davon.
Über den Verlauf der nächsten sechs Tage leert sich mein Honigglas stetig. Wie jetzt allerdings der nächste Schritt aussehen soll ist eine verdammt gute Frage. Da Gesten bestenfalls dürftig funktionieren, versuche ich über Geräusche eine Art rudimentäre Kommunikation aufzubauen. Einmal klatschen bedeutet ja, zweimal klatschen nein. Mein einziger “Gesprächspartner” bleibt aber bislang die Wächterameise der Rindenschale. Zwar schaut auch hin und wieder mal ein Mitglied der Arbeiterkaste vorbei, doch mit den schreckhaften Gesellen in Kontakt zu treten, erweist sich als schwierig.
Ich bemühe mich zwar wirklich, doch mein Fleiß zahlt sich kaum aus. Natürlich kann der mangelnde Fortschritt auch voll auf meine Kappe gehen. Allerdings bin ich mir inzwischen fast sicher, es nicht jeden Tag mit der gleichen Soldatenameise zu tun zu haben. Gefühlt jeden Tag wieder bei Null anfangen zu müssen, ist frustrierend. Fieberhaft denke ich über mögliche Alternativen nach, doch außer dranzubleiben fällt mir nichts ein.
Ein neuer, äußerst nasser Tag bringt jedoch ein wenig Schwung in die Sache. Auf mich warten diesmal nicht eine, sondern direkt drei verschiedene Ameisen. Neben einer Soldaten- und einer Arbeiterameise hat sich sogar ein Mitglied der Schützenkaste an der Grenze eingefunden. Das Gift, welches sie in ihrem aufgeblähten Hinterteil aufbewahren, können die Kreaturen bei Bedarf mühelos dreißig Meter durch die Luft befördern. Stapelbares Gift ist nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen sollte. Ein paar Ladungen davon und es ätzt mir buchstäblich das Fleisch von den Knochen. Was sie wohl von mir will?
Die Arbeiterameise versteckt sich nach meinem Anblick sofort hinter ihrem stark gepanzerten Freund. Im Gegensatz dazu macht der Vertreter der Schützenkaste sogar zwei Schritte auf mich zu. Heute hat man offenbar die mutigste aller Ameisen an die Front geschickt. Vielleicht ist es aber auch wieder ein Zeichen des guten Willens? Vor dem Fernkämpfer muss ich bei dieser Entfernung jedenfalls nicht so sehr auf der Hut sein.
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Ich übertrete die Grenze und beobachte die drei Insekten still. Tatsächlich wagt die Schützenameise erneut einen Vorstoß. Vorsichtig nähert sich mir das Tier und hält mir ihre Mandibeln entgegen. Erst jetzt sehe ich, dass sie einen kleinen Stein in ihren Klauen hält. Etwa ein Geschenk? Tatsächlich lässt die Kreatur das Objekt in meine offene Hand fallen und gesellt sich danach wieder zu ihren Kollegen.
Okay, jetzt bin ich verwirrt. Warum schenkt mir eine Ameise einen Stein? Laut Identifizieren ist er nicht verzaubert und gehört in die gewöhnliche Kategorie. Es sind auch keine Symbole oder Kratzer auf der glatten Oberfläche zu sehen. Wie überaus mysteriös. Ich klatsche einmal in die Hände und lasse den Stein in meiner Jackentasche verschwinden. Vielleicht haben die Jungs ja eine Idee, was es mit diesem Geschenk auf sich haben könnte.
Nach zwei Minuten warten schubst die Schützenameise seinen Arbeiterkollegen schließlich aus seiner Deckung. Perplex von dem plötzlichen Verrat hat es sogar das Stückchen Rinde fallen lassen. Ich knie mich hin, um weniger bedrohlich zu wirken. “Wenn du heute den Honig abholen willst, dann musst du schon ein wenig näher kommen”, wobei ich das Glas aus meiner Tasche hole. Geduldig warte ich auf die kleine Ameise. Für sie muss die ganze Situation furchtbar stressig sein. Trotzdem hebt sie tapfer das provisorische Gefäß wieder auf und kommt langsam auf mich zu.
Ich halte für einen Moment unterbewusst den Atem an. Kein anderer Mensch war einem Mitglied der verletzlichsten Kaste vermutlich jemals so nahe. Das Tier ist gerade einmal Level 24! Der dünne Panzer bietet in etwa so viel Widerstand wie ein dicker Pullover. Die Mandibeln selbst sind ebenfalls eher zum Transport von Blättern, kleinen Ästen oder Kadavern geeignet. Vor allem Wimmerspinnen jagen liebend gern nach Arbeiterameisen . Auf sich alleine gestellt kann nur ihre Geschwindigkeit sie vor einem grausamen Ende bewahren.
Langsam öffne ich das Glas und gieße ein wenig Honig auf die Rinde. Bloß keine hektischen Bewegungen. Ich verschließe das Gefäß wieder und klatsche einmal vorsichtig in die Hand. Unverzüglich flitzt die Ameise davon und ist Sekunden später hinter den Bäumen verschwunden.
Am Abend beraten wir uns zu den Ereignissen des Tages. Leider haben weder Sam, Kurt oder Paul eine Ahnung, was es mit dem Stein auf sich haben könnte. Es als bloßes Geschenk abzutun schmeckt mir aber irgendwie auch nicht. Diese Insekten verfolgen mit all ihren Handlungen einen gewissen Zweck. Warum sollte es also mit dem Stein anders sein? Trotzdem machen wir definitiv Fortschritte. Plötzlich von einem der Tiere angefallen zu werden, erscheint mir immer unwahrscheinlicher. Die heutigen Ereignisse haben mir neuen Aufwind gegeben. Das Problem der Ameisen in knapp 19 Tagen herauszufinden und zu lösen, wirkt nicht mehr ganz so unerreichbar.
Die nächsten beiden Tage finde ich nur noch eine Arbeiter- und eine Soldatenameise vor. Jedoch nimmt auch ohne zusätzliche Ermutigung das kleinere Insekt von nun an die Ware entgegen.
Heute könnte es erneut sehr spannend werden. Wie wird die Kolonie wohl reagieren, wenn sie erfährt, dass vom Honig nichts mehr übrig ist?
Der Arbeiterameise scheint diese Tatsache jedenfalls überhaupt nicht zu gefallen. Als ich die gewünschte Ware nicht rausrücke, stupst sie schließlich fordernd mit der Rinde gegen meinen Unterschenkel. Ich präsentiere ihr daraufhin das leere Glas und klatsche zweimal in die Hände. Nachdem sich der Rabauke eine Weile lang mit dem Gefäß beschäftigt hat, schnappt er sogar in kurzen Abständen jeweils einmal in meine Richtung. “Jetzt werd mal nicht frech Kleiner. Ich habe halt nichts mehr übrig”, bemerke ich verteidigend. Jedoch lässt sich die Ameise nicht so einfach beschwichtigen und beginnt an meiner Hose zu knabbern.
Ich rolle mit den Augen und hebe den Waldbewohner kurzer Hand in die Luft. Klack! Klack! Verständlicherweise ist sein Freund davon nicht begeistert. Statt die Soldatenameise aber ebenfalls mit einem Spruch zu beglücken, setze ich den zappelnden Arbeiter einfach in die andere Richtung schauend wieder auf den Boden. Wie vom Blitz getroffen saust dieser umgehend davon. Offenbar habe ich dem kleinen Kerl einen ordentlichen Schrecken eingejagt. Gut so!
Auch am nächsten Tag versucht man erneut vergebens, Honig von mir zu ergattern. Diesmal ist jedoch die Arbeitervariante ein wenig zurückhaltender, was ihre Forderung anbelangt. Nachdem die kleine Ameise wieder die Biege gemacht hat, lasse ich mich keine zwanzig Meter im Territorium der Armeeameisen nieder. Mein Plan ist ein kleiner Vertrauenstest. Wird die Soldatenameise mich auf ihrem Land tolerieren oder müssen mir Kurt und Paul wie letztes Mal gleich aus der Klemme helfen?
Die Antwort ist ein lautes Klack! Jedoch scheint sich das Tier damit zu begnügen, eine Position zwischen mir und dem restlichen Territorium zu beziehen. Ein deutlicher Beweis für meine Fortschritte. Mehrere Soldatenameisen schauen im Verlauf der nächsten Stunden auf Patrouille vorbei, doch auch sie ignorieren meine Präsenz auf ihrem Rasen. Es scheint fast so, als hätte ich bei den Insekten eine Art Gaststatus erlangt.
Aufstehen, aufwachen, essen, Morgentraining, waschen und schon geht es wieder in Richtung der Grenze. Den Weg könnte ich mittlerweile im Schlaf zurücklegen.
Der Anblick vor Ort verschlägt mir jedoch erst einmal die Sprache. Zweiundvierzig Soldatenameisen haben sich in einer zweigeteilten Blockformation versammelt. Ein Stück dahinter stehen nochmal zwanzig Schützenameisen wie auf einer Perlenkette aufgefädelt nebeneinander. Mein Blick wandert allerdings zu der einzelnen Kreatur, welche sich zwischen den beiden Gruppen positioniert hat. Ein so dunkelbrauner Panzer, dass er schon beinahe schwarz ist. Vergleichsweise kurze, stark angewinkelte Antennen für ein Geschöpf, das über eine Körperlänge von etwa 40 Zentimeter verfügt. Eine von wenigen in einer Familie von geschätzten 20.000 Individuen, eine waschechte Magierameise!
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